TennisFun: Arne Tiedemann, keine Ahnung von Tennis

Arne Tiedemann

Arne Tiedemann, geboren 1973 in Elmshorn und aufgewachsen in Kollmar, ist im Beruf Bibliothekar. Nebenher ist er u. a. freier Mitarbeiter der Elmshorner Nachrichten; seine Kolumnen „Dichter am Ball“ und „Tiedemanns Elbansichten“ erfreuen sich großer Beliebtheit. In den ironischen Sekundenphilosphien betrachtet Tiedemann seine Mitmenschen und sich im Alltag, er erzählt vom Leben in der Marsch, von vorm Deich und hinterm Mond. 2008 erschien der erste Kolumnenband als Buch, ebenfalls unter dem Titel Tiedemanns Elbansichten. 2010 veröffentlichte der Kollmaraner zusammen mit dem Cartoonisten Piet Hamann die norddeutsche Identitätsanleitung „Wir hier im Norden“. Im Herbst 2011 erschien Tiedemanns neues Buch „Dorftrottel 2.0 de luxe“. Sportlich ist Tiedemann gewissermaßen auch. Er blickt auf zwei Jahrzehnte Steinburger Kreisklassenfußball zurück und schnürt seit einigen Jahren zudem ambitionslos die Laufschuhe. Alle anderen Sportarten erkundet Tiedemann mit bekannt norddeutscher Skepsis und landmännischer Zurückhaltung.

etwas falsch verstanden?

Keine Ahnung von Tennis!

Tiedemann die Erste: Das Klischee vom Tennislehrer

Ich hab ja nun keine Ahnung von Tennis, aber das macht zunächst erst einmal gar nichts. In einer wenig repräsentativen Umfrage des Lifestyle-Magazins „Bravo“ (die Apothekenumschau der feuchten Jugendträume) aus dem Jahre 1986 bei 14 bis 21 jährigen, an Kopulation interessierten Bummelschülern mit schlechten Zensuren aus bürgerlichen Haushalten in Hessen, Rheinland-Pfalz und Oberfranken war „Tennislehrer“ auf Platz drei der Traumberufe, gleich hinter „Grafiker“ und „irgendwas mit Werbung“.

Der Tennissport boomte damals in Deutschland und hatte mit den ersten Erfolgen eines karottenfarbigen Hitzkopfes und später professionellen Beischläfers aus Baden und einer maschinengleichen, blassen Interpretin des Sports und aktuell biederen Hausfrau aus Las Vegas gerade so eben noch seine zarte Unschuld. Seit Wimbledon vom Vorjahr wollten die Kids (wie wir coolen Ü-40er sagen) alle nämlich kein Fußball oder Handball mehr spielen und auch nicht weiterhin BMX-Rad fahren, sondern Tennis spielen. Zigtausende Kinder und Erwachsene drängten in die Vereine und auf die Plätze und wollten das Einmaleins des Tennis gelehrt bekommen. Tennislehrer waren auf einmal knapp und nicht minder heiß begehrt. Ein undankbarer Job für Oberstufenschüler und Frührentner, die fortan unzähligen hoffnungslosen Untalenten versuchten beizubringen, dass der Ball tatsächlich übers Netz geschlagen werden musste und nicht mitten hinein.

Und ich war auch so ein kurzzeitig mental verwirrtes Kind und zu der Zeit drauf und dran den heiß geliebten Fußball für einen profanen Tennisschläger und ein Paar kurze Hosen in Weiß zu verraten. In 1986 nervte ich meine Eltern nachhaltig, indem ich den Tennisball stundenlang apathisch aufs heimische Garagentor drosch, und machte mir so überdies im gesamten Bereich der Nachbarschaft und auch (besonders zur Zeit der Mittagsruhe zwischen 12 und 15 Uhr) auf dem nahen Kollmaraner Campingplatz einen Namen und erlangte als „dieser Rotzbengel mit dem Tennisball“ eine gewisse Bekanntheit. Eine Anekdote, die eigentlich gar nichts weiter mit der Geschichte hier zu tun hat, aber ich wollte sie gerne mal loswerden.

Warum, weiß man rückblickend wohl nicht mehr so recht, aber der Broterwerb als Tennislehrer hatte schon damals einen gewissen Ruf weg. Und der war in etwa genauso halbseiden wie der von den Typen, die auf dem Rummelplatz beim Autoscooter die Wagen anschieben. Die Realität sah gewiss anders aus, aber in den Boulevardmedien und Köpfen der Zeit wurde ein Klischee abgefeiert, das es vielleicht so in der Art niemals gab:

Wir schreiben also das Jahr 1986 und alle Tennislehrer sind drahtige Singles Mitte 20 mit Zahnpastalächeln mit Bauchmuskeln wie Heizkörper. Optisch anzusiedeln zwischen Hansi Hinterseer und Sascha Hehn als Dr. Udo Brinkmann. Was die Ausstattung angeht, wird standesgemäß im offenen weißen Golf Cabrio vorgefahren. Aus den Telefunken-Lautsprechern des Wagens fiepst überlaut das neueste Lied von Modern Talking („Atlantis is calling“) und Cabrios werden zu der Zeit nur durch einen Sprung über die geschlossenen Türen verlassen. Dabei wird in einer fließenden Bewegung die große Sporttasche vom Rücksitz gegriffen und federnden Schritts, Wrigley’s Spearmint Gum zwischen den Kiefern und die Sonnenbrille im kraftvollen Haar wird ins Clubhaus gestratzt.

Tennislehrer der Achtziger Jahre pennen bis um halb elf und zeigten dann gleich früh morgens um zwei den vernachlässigten Anwaltsgattinnen und jungen Hausfrauen mit zu viel Langeweile den richtigen Schwung. Na, Sie wissen schon. Zwinker, zwinker. Ich sag nur: Bum Bum Beischlaf. Irgendeiner muss sich ja schließlich drum kümmern, dass die Damen in Bewegung bleiben und das Heldenbild des libidogesteuerten Volley-Spezialisten in den Köpfen bleibt. Mit Sex hat das jedoch nicht im Geringsten etwas zu tun, das ist Leidenschaft pur für den Sport.

Feierabend dann um 15:30 Uhr. Das eigentlich laut Plan anschließend stattfindende Jugendtraining muss leider ausfallen. Mal wieder. Das gesteigerte Motivationsdefizit (damals wurde der Begriff „Null Bock“ gerade erst en vogue) wird mit akuter Leistenzerrung oder situativ drohender Sehnenscheidenentzündung kaschiert. Die Kinder fahren enttäuscht auf ihren BMX-Rädern nach Hause. Und bis die Sonne untergeht, sitzt man mit ein paar Senioren des Clubs auf der Terrasse und lässt mindestens Fünfe gerade sein. Erst ein schaumkroniges Weizenbier auf ex zum warm werden, dann Cola-Bacardi bis die Augen zu schwellen. Was für ein herrlicher Sommer, fünf Tage die Woche und am Sonntag dann auch bei den Zweiten Herren in der Bezirksliga aushelfen. Ja, so kann man es ganz gut aushalten.

Billiges Klischee oder gelebter Traum? Wie auch immer und wie gesagt, es ist nur die arg beschränkte Vorstellung der ewigen Neider, die es leider auch im Freizeit-Tennis haufenweise gibt, und beachten Sie (vor allem wenn Sie selbst Tennislehrer sind) das Ganze hier unter der altbekannten Prämisse, dass ich ja nun gar keine Ahnung von Tennis habe. Ich nehme dann lieber noch einen Cola-Bacardi, einen doppelten. Gute Nacht.

Tiedemann die Zweite: Die Ballkinder und das Handtuch: Albtraum der Mütter

Ich hab ja nun keine Ahnung von Tennis, aber dass neben Schläger und Ball auch das Handtuch unverzichtbares Equipment auf dem Platz geworden ist, das ist ja auch für den Kenner des Sports durchaus schon etwas sonderbar. Das Handtuch zum bzw. nach dem Duschen hat sich ja nun schon seit Längerem allgemein im Tennis, aber auch in den anderen schweißtreibenden Sportarten als Abtrockhilfe Nr. 1 durchgesetzt.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Handtuchs im Sport ist quasi schnell erzählt. Die Zeiten, in denen nach dem Sport ungewaschen wieder in die zuvor getragene Kleidung geschlüpft wurde, liegen (im Allgemeinen) erfreulicherweise weit zurück, und nachdem sich zuweilen bis in die Achtzigerjahre noch im Mannschaftssport zu mehreren ein Handtuch geteilt werden musste, hat sich in den letzten Jahrzehnten die individuelle Anwendung eines Handtuchs pro Sportler schnell etabliert. Zwar wird sich besonders beim Fußballsport und auch im Handballsport noch weit verbreitet das Shampoo geteilt, doch ein Handtuch hat jeder für sich alleine. Doch auch hier gibt es Ausnahmen, doch diese detailliert zu schildern, würde erstens den Rahmen sprengen und gehört hier andererseits auch nicht hin, schließlich geht es im weitesten Sinne um Hygiene.

Zum Thema zurück. Im Tennissport ist seit Jahren handtuchtechnisch eine recht befremdende Entwicklung zu beobachten, denn neben dem Duschhandtuch scheint ein weiteres auf dem Platz unabdingbar zu sein. Vom absoluten Spitzentennis auf den Centre Courts der Metropolen der Welt bis zum letzten Nebenplatz der Kreissportanlage gleich neben dem Gewerbegebiet, von der ATP Top Ten bis zur 4. Herrenmannschaft des Dorfvereins: ein Handtuch so groß wie ein Badelaken in (Zu)Reichweite ist unverzichtbares Must-have geworden.

Vor einigen Jahren ist es im Profi-Circuit zur Unsitte geworden, dass die Spieler sich in ihren Handtüchern den Schweiß abwischen, gehaltvoll hineinrotzen, sich sogar Blut von kleineren und größeren Verletzungen abwischen. Dann wird das Handtuch acht- und gedankenlos den Ballkindern (die ja bei manchen Turnieren gar keine Kinder mehr sind. Mein lieber Schwan …) zugeworfen. Die müssen dann sehen, wie sie mit dem ekligen Stück Frottee umgehen.

Nicht nur besorgte Mütter von Ballkindern fragen sich, warum sich die Kinder denn nicht ausschließlich, wie es vorgesehen ist, um die Bälle kümmern. Sie stehen stets sofort parat, wenn der hochgradig infektiöse Lappen verlangt wird, und nehmen diesen dann auch wieder umgehend entgegen. Genau das führt im Übrigen zum nächsten Punkt, dem inflationären Gebrauch der Handtücher. Roger Federer hat beispielsweise in Indian Wells einmal mehr die Zeitschinderei zwischen den einzelnen Ballwechseln beklagt und sich nicht gescheut, die Kollegen Djokovic und Nadal namentlich als Handtuch-Zeitschinder zu benennen. Es ist alles andere als zuschauerförderlich und schon gar nicht fernsehtauglich, jene nahezu ewigen Handtuch-Wischorgien der Spieler zu erleben. Da wird sogar nach einem Ass schon wieder das Handtuch vom Ballkind verlangt. Geht’s eigentlich noch? Kein Wunder, dass Spiele so immer länger dauern und man sich als Zuschauer fragen muss, ob der eigene Urlaub denn noch ausreicht, um das aktuelle Match bis zum Ende zu erleben.

Andere Sportarten haben da längst reagiert und den inzwischen schon zwanghaften Handtuchgebrauch drastisch eingeschränkt ‒ nicht zuletzt, um die Dramaturgie des jeweiligen Spiels zu erhalten. Tennisspiele sind, das ist nun einmal Realität, in der Summe eh schon zu lang für die modernen Konsumgewohnheiten der Kundschaft, da täuscht die Begeisterung über die Marathonmatches bei Grand-Slam-Turnieren nur über die realen Bedürfnisse der Leute hinweg. Dann lieber die Zusammenfassung bei Eurosport.

Und sowieso: Der einzige Sport, in dem der Handtuchgebrauch wirklich eine Berechtigung hat, ist das Boxen, weil dann ist eh alles gelaufen. Aber wie gesagt, ich hab ja nun gar keine Ahnung von Tennis.